GÖTTERDÄMMERUNG
Beobachtungen eines Unternehmers
Richard Wagner war bekanntlich kein Mann für kleine Lösungen. Wenn bei ihm etwas schiefging, wurde nicht der zuständige Staatssekretär ausgetauscht. Bei Wagner brannte gleich Walhall.
In seiner „Götterdämmerung“ erleben die alten Götter, wie ihre Ordnung zerfällt. Sie besitzen noch ihre Paläste, ihre Titel und ihre Macht. Aber etwas Entscheidendes ist ihnen bereits abhandengekommen: Die Gewissheit, dass die Welt auch morgen noch nach ihren Regeln funktioniert.
Warum musste ich in den vergangenen Wochen ausgerechnet daran denken?
Vielleicht wegen Sachsen-Anhalt. Dort zeichnet sich vor der kommenden Landtagswahl eine politische Situation ab, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre. Die AfD liegt in Umfragen in einer Größenordnung, bei der die bisherigen Mehrheitsmodelle der etablierten Parteien an ihre Grenzen geraten.
Der Spitzenkandidat der Blauen füllt Straßen wie Säle und begeistert die Menschen, während die etablierten Parteien vor allem darüber diskutieren, wie man ihn und seine Partei von der Macht fernhalten kann. Das kann man wollen. Aber löst es das Problem?
Wenn eine Partei irgendwann vierzig Prozent oder mehr erreicht und gleichzeitig kategorisch ausgeschlossen wird – wie viele Koalitionen bleiben dann eigentlich noch übrig?
Vielleicht erleben wir am 6. September keine Götterdämmerung. Aber ein wenig flackert es schon in Walhall. Und dennoch dreht sich die politische Diskussion noch immer um die Frage: Wie gehen wir mit der AfD um?
Mich hingegen beschäftigt der Gedanke, warum eigentlich immer mehr Menschen diese Partei wählen. Denn eines lässt sich inzwischen schwer übersehen: Der bisherige Umgang mit der AfD hat sie nicht kleiner gemacht. Im Gegenteil.
Je entschlossener Brandmauern errichtet, Verbotsdebatten geführt und ihre Wähler politisch ausgegrenzt wurden, desto stärker ist sie geworden. Vielleicht sollte man sich deshalb auch mal eine unangenehme Frage stellen:
Was, wenn die bisherige Strategie nicht nur nicht funktioniert – sondern Teil des Problems ist? Dann könnte man mehr darüber diskutieren, welche Probleme die Menschen überhaupt erst zur AfD treiben. Und vielleicht wäre die wirksamste Brandmauer gegen diese Partei gar keine Brandmauer. Vielleicht wäre es einfach gute Politik.
Schauen wir einmal auf ein paar Zahlen.
Deutschland verzeichnete 2025 mehr als 24.000 Unternehmensinsolvenzen. In der Industrie gingen im selben Jahr fast 180.000 Arbeitsplätze verloren. Im laufenden Jahr setzt sich dieser Trend fort. Die sich daran anschließenden menschlichen Schicksale sind auch das Ergebnis einer schlechten Politik.
So wie die Staatsquote, die mittlerweile bei über 50 Prozent liegt und damit dort ist, wo nach Helmut Kohl der Sozialismus beginnt.
Unsere Haushaltsstrompreise gehören zur europäischen Spitze. Für Gesundheit geben wir enorm viel Geld aus, ohne bei der Lebenserwartung entsprechend Spitze zu sein.
Und auch bei unserem wichtigsten Rohstoff sieht es nicht besser aus. Deutschland hat wenig Öl, wenig Gas und kaum andere Rohstoffe. Der Rohstoff dieses Landes steckte schon immer in den Köpfen der Menschen.
Dennoch liegen unsere Bildungsausgaben gemessen an der Wirtschaftsleistung unter dem OECD-Durchschnitt. So wird es schwer, ein erfolgreiches Industrieland zu bleiben und unseren Wohlstand zu erhalten.
Auch einen anderen Widerspruch finde ich bemerkenswert. Beim Bürgergeld stellen Menschen ohne deutschen Pass ungefähr 48 Prozent der Bezieher, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung nur ungefähr 15 Prozent beträgt. Nun kann man lange darüber diskutieren, wie diese Zahlen zustande kommen. Man kann differenzieren, relativieren und erklären. Das sollte man sogar.
Aber irgendwann bleibt eine ziemlich einfache Frage übrig: Finden wir dieses Verhältnis eigentlich in Ordnung? Und falls nicht – wie wollen wir das ändern?
Selbst per Haftbefehl Gesuchte beziehen bei uns weiterhin Grundsicherung – unter anderem, weil der Datenschutz den Informationsaustausch zwischen den Behörden erschwert. Trotz des sportlichen Charakters – je länger ich weglaufe, desto länger kassiere ich – dürfte es keine gute Idee sein, diesen Menschen gleichzeitig mit Staatsanwaltschaft und Sozialstaat hinterherzulaufen.
Damit wären wir bei unserem Nachbarn im Norden. „Etwas ist faul im Staate Dänemark“, lässt Shakespeare Marcellus in Hamlet sagen.
Heute könnte man den Satz umdrehen: Da ist was faul im Staate Deutschland – und ausgerechnet Dänemark zeigt uns, dass es auch anders geht. Denn dort verfolgt eine sozialdemokratisch geführte Regierung bei der Migration seit einigen Jahren erfolgreich einen klaren, restriktiven Kurs, ganz anders als die Parteikollegen in Deutschland.
Sind dänische Sozialdemokraten deshalb plötzlich rechts geworden? Oder haben sie schlicht erkannt, dass eine Demokratie Probleme lösen muss, bevor andere Parteien mit diesen Problemen Wahlen gewinnen?
Menschen merken, wenn das, was sie täglich erleben, nicht mehr zu dem passt, was ihnen politisch erklärt wird. Unternehmer kennen das. Wenn die Kunden das Produkt nicht mehr kaufen, sollte man ihnen vielleicht nicht erklären, dass sie das Produkt nur falsch verstanden haben. Man sollte das Produkt verbessern. Warum sollte das in der Politik anders sein?
Auch dort wird es jedoch ohne eine ehrliche Selbstreflexion nicht gehen. Und auch nicht ohne den Mut, den eingeschlagenen Weg zu verlassen, wenn er erkennbar nicht funktioniert. Den Mut, Probleme auszusprechen, Fehler zu korrigieren und künftig die Prioritäten anders zu setzen – auch wenn das Widerstand auslöst.
Am Ende lässt Wagner die alte Ordnung in Flammen aufgehen.
So dramatisch müssen wir Deutschen es nicht machen. Wir haben kluge Menschen, erfolgreiche Unternehmen und immer noch enorme Möglichkeiten. Was uns fehlt, ist nicht das Wissen darüber, was zu tun wäre. Zu oft fehlt uns der Mut, es zu tun.
Vielleicht braucht es deshalb ein wenig Götterdämmerung. Nicht damit Walhall abbrennt. Sondern damit wieder Licht hereinkommt.
In diesem Sinne
Ernst-M. Ehrenkönig · CEO & Managing Partner