DAS WESENTLICHE · Beobachtungen eines Unternehmers

Nach fast vier Jahrzehnten als Immobilienunternehmer habe ich eines gelernt. Gebäude sind erstaunlich ehrlich.

Ein Dach ist dicht. Oder eben nicht.

Eine Heizung funktioniert. Oder sie funktioniert nicht.

Ein Treppenhaus ist gepflegt. Oder es ist verwahrlost.

Gebäude interessieren sich herzlich wenig für gute Absichten. Sie reagieren ausschließlich auf gute Arbeit. Sie sind geduldig. Aber sie sind nicht nachsichtig. Vernachlässigt man sie lange genug, kommen die Probleme zuverlässig. Nicht über Nacht. Sondern schleichend. Gebäude besitzen noch eine bemerkenswerte Eigenschaft. Sie glauben keine Pressemitteilungen. Sie reagieren ausschließlich auf das, was tatsächlich getan – oder eben unterlassen wird.

Vielleicht musste ich deshalb in den vergangenen Wochen erstaunlich oft an Deutschland denken. Das Land pflegt seit geraumer Zeit eine Leidenschaft. Nicht das Lösen von Problemen. Sondern ihre Verwaltung. Und wenn anschließend noch Zeit bleibt, diskutiert man ausführlich darüber.

Da wird mit großer Ernsthaftigkeit darüber gesprochen, Steuerhinterziehern künftig Porsche und Rolex wegzunehmen. Darauf muss man erst einmal kommen. Vor allem deshalb, weil die meisten Steuerzahler weder einen Porsche noch eine Rolex besitzen. Sie wären vermutlich schon zufrieden, wenn der nächste Bauantrag schneller genehmigt würde als die nächste Pressekonferenz angekündigt ist.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Steuerhinterziehung konsequent zu verfolgen, ist selbstverständlich richtig. Mich beschäftigt aber etwas anderes:

Wie passt die Forderung nach Freiheitsstrafen von bis zu fünfzehn Jahren für Steuerhinterziehung zu gleichzeitig rund einhunderttausend nicht vollstreckten Haftbefehlen – darunter tausende gegen Schwerverbrecher?

Steuersünder lassen sich offenbar leichter finden.

Noch leichter lassen sich allerdings die Vermieter finden.  Die erhalten zurzeit Schreiben, weil Algorithmen ihre Mietanzeigen überprüfen. Nicht der Wohnungsmangel bekommt also Post. Die Post bekommt der Vermieter. Der Wohnungsmangel wartet derweil weiter geduldig auf eine Antwort.

Fast gleichzeitig lesen wir beinahe täglich von Messerangriffen oder islamistisch motivierten Gewalttaten. Ein iranischer Bekannter sagte mir nach dem Attentat auf den CSD im Berliner Tiergarten: „In meiner Heimat gibt es jeden Tag diese Art von Christopher Street Day.“ Sein Humor war sehr bitter. Seine Botschaft ernst. „Passt auf, dass ihr euch nicht daran gewöhnt“, meinte er. Und ich fragte mich unwillkürlich: Was muss ein polizeibekannter Verbrecher mit Terrorambitionen in Deutschland eigentlich noch tun, damit der Staat ihn vor seiner Tat aus dem Verkehr zieht – und nicht erst danach? Angesichts noch weiterer dunkler Gestalten, die ihren freundlichen Gastgebern womöglich an den Kragen wollen, lohnt es sich, darüber nachzudenken. Vielleicht sogar mehr als über Porsche und Rolex.

Und noch etwas fällt mir auf. Neid galt früher einmal als Todsünde. Heute wird er immer öfter unter dem Etikett der sozialen Gerechtigkeit neu verpackt. Ganz anders als wirtschaftlicher Erfolg. Der wirkt inzwischen erstaunlich oft erklärungsbedürftig.

Unternehmer. Eigentümer. Investoren. Mittelständler. Menschen, die Risiken übernehmen, Arbeitsplätze schaffen, Wohnungen bauen und den Wohlstand erwirtschaften, den wir anschließend verteilen. Es gibt die Meinung, auf diese Menschen könne man auch verzichten. Der Staat soll es übernehmen und weiter umverteilen, bis der Sozialismus vollendet ist, also bis alle gleich wenig haben. Fast alle. An dieser Stelle empfehle ich denen, die sich von den Erfolgen sozialistisch-staatlicher Wohnungsbaupolitik überzeugen möchte, einen Blick in die ehemalige DDR oder nach Kuba. Der Andrang dorthin hielt oder hält sich bekanntlich in Grenzen.

Nun sollte Politik wegen solcher Kritik nicht beleidigt sein. Sondern nachdenklich. Vertrauen ist das eigentliche Kapital eines Landes. Vieles lässt sich reparieren. Ein Dach. Eine Heizung. Eine Fassade. Selbst ein Wasserschaden. Am schwierigsten aber ist es mit dem Vertrauen. Deshalb beginnt gute Führung selten mit großen Ankündigungen. Sondern mit einer erstaunlich einfachen Frage: Was ist wichtig und worum kümmern wir uns zuerst?

Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen Wunder erwarten. Ich glaube, sie wünschen sich schlicht einen Staat, der wieder beim Wesentlichen beginnt.

Sicherheit. Kontrolle der Grenzen. Rechtsstaatlichkeit. Eine funktionierende Verwaltung. Leistungsgerechtigkeit. Eine starke Wirtschaft. Mehr Wohnungen statt mehr Vorschriften. Und einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Geld der Menschen, die all das ermöglichen. Das wäre kein außergewöhnliches Regierungsprogramm. Das wäre gesunder Menschenverstand.

Der ehemalige amerikanische Präsident Ronald Reagan hat einmal gesagt: 

„If we lose freedom here, there’s no place to escape to. This is the last stand on Earth.“ 

Damals galten seine Worte Amerika. Heute dürfen wir sie auch auf Deutschland und Europa übertragen. Wenn wir es nicht schaffen, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu bewahren – wo wollen wir dann eigentlich hin? Es gibt keinen besseren Ort, der das für uns übernimmt. Deshalb sollten wir aufhören, darauf zu warten, dass andere unsere Probleme lösen. Wir müssen es selbst hinbekommen.  Hier und Jetzt.

In diesem Sinne

Ernst-M. Ehrenkönig · CEO & Managing Partner

Dieser Artikel erschien auch in der Berliner Zeitung

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