Deutschlands niedrige Eigentumsquote
Ein Warnsignal – und eine Chance für Investoren
Deutschland nimmt im europäischen Wohnimmobilienmarkt eine Sonderrolle ein. Mit einer Eigentumsquote von rund 47 Prozent ist es das Land mit dem höchsten Mieteranteil in der Europäischen Union. Für Investoren ist das weniger ein gesellschaftspolitischer Befund als vielmehr eine strukturelle Marktgrundlage – und eine, die seit Jahrzehnten für stabile und planbare Cashflows sorgt.
Der hohe Anteil an Mietern schafft eine dauerhaft starke Nachfrage nach Wohnraum, insbesondere in wirtschaftlich starken Regionen. Diese Nachfrage ist nicht kurzfristig konjunkturabhängig, sondern systemisch bedingt. Hohe Markteintrittsbarrieren in den Eigentumsmarkt, steigende Baukosten und ein historisch gewachsenes Mietmodell sorgen dafür, dass Wohnimmobilien in Deutschland ein verlässlicher Ertragsanker bleiben.
Für Investoren bedeutet das langfristige Cashflows mit vergleichsweise geringer Volatilität.
Diese Stabilität wird durch die demografische Entwicklung weiter verstärkt. Deutschland altert, und ein wachsender Teil der Bevölkerung tritt in den kommenden Jahren in den Ruhestand ein. Gleichzeitig ist Wohneigentum als Bestandteil der privaten Altersvorsorge unterrepräsentiert. Viele Haushalte bleiben auch im Alter Mieter – mit entsprechend kontinuierlicher Nachfrage nach Wohnraum. Für Bestandshalter entsteht daraus ein hohes Maß an Planungssicherheit bei Mieteinnahmen.
Regulatorische Eingriffe sind Teil dieses Marktes und Ausdruck eines stark mieterorientierten Systems. Für Investoren ist entscheidend, diese Rahmenbedingungen im Gesamtkontext zu betrachten: In einem Markt mit strukturell hoher Nachfrage und begrenztem Angebot bleibt Wohnraum auch unter regulatorischen Vorgaben ein stabiles Investment. Regulierung verändert die Spielregeln, hebt jedoch nicht die fundamentale Nachfrage auf.
Langfristig wirft dieses Modell dennoch grundlegende Fragen auf. Länder mit hoher Eigentumsquote sind widerstandsfähiger gegenüber demografischem Wandel und Rentenlücken. Eine abbezahlte Immobilie wirkt dort wie eine zusätzliche Säule der Altersvorsorge. Deutschland verzichtet bislang weitgehend auf diesen stabilisierenden Effekt – mit wachsenden Belastungen für das Rentensystem und den Staatshaushalt.
Ein zentraler Hebel liegt dabei nicht allein in politischen Maßnahmen, sondern im gesellschaftlichen Mindset. Finanzielle Bildung spielt im deutschen Schulsystem bislang eine untergeordnete Rolle. Themen wie Vermögensaufbau, Inflation, Zinseszins oder Immobilien als Sachwert werden jungen Menschen kaum vermittelt. Ein frühzeitiger, praxisnaher Umgang mit Geld ist jedoch Voraussetzung dafür, Eigentum überhaupt als realistische Option wahrzunehmen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.
Gleichzeitig existieren konkrete politische Ansatzpunkte, um Eigentumsbildung gezielt zu fördern, ohne den Mietmarkt zu destabilisieren. Ein möglicher Impuls wäre der Wegfall der Grunderwerbsteuer bei selbstgenutztem Wohnraum, sofern dieser über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren gehalten wird. Dies würde spekulative Effekte begrenzen und gleichzeitig den Zugang zu Eigentum erheblich erleichtern.
Andere Länder zeigen, wie ergänzende Anreize aussehen können. In den Niederlanden sind Hypothekenzinsen für selbstgenutztes Wohneigentum steuerlich absetzbar. Skandinavische Länder nutzen staatliche Eigenkapitalmodelle, bei denen der Staat einen Teil des Kaufpreises als nachrangiges Darlehen übernimmt. Frankreich unterstützt Erstkäufer über zinsvergünstigte Kredite und staatliche Garantien. Solche Modelle stärken die Eigentumsquote, ohne Investitionsmärkte zu schwächen.
Delano Kyles · CEO & Managing Partner