Sapere Aude

Was für ein Jahr liegt hinter uns: Die Welt schüttelt den Kopf über Deutschland, Mächtige schauen auf uns herab und einige von Ihnen prophezeien gleich ganz Europa den Untergang der Zivilisation, wenn es so weitergeht mit Überfremdung, offenen Grenzen und wirtschaftlicher Rezession in Deutschland.

Um die Gründe dafür zu verstehen, blicken wir kurz in die Vergangenheit:

In den 1960 er Jahren beschrieb der Studentenführer Rudi Dutschke den „Marsch durch die Institutionen“ als eine linkssozialistische Methode, mit der eine außerparlamentarische Opposition schrittweise die Schaltstellen des Staates, der Wirtschaft und der Universitäten besetzt und dadurch nach und nach die gesamtgesellschaftliche Diskurshoheit erringt.

Im Jahr 2025 erscheint dieses Projekt in Deutschland weitgehend vollendet. Fehlender Widerstand einer im Wohlstand bequem gewordenen, bürgerlichen Mehrheit ließ über Jahre eine Politik gewähren, die moralische Haltung als Ersatz für Leistungsbereitschaft predigt, Minderheiten Opferstatus verleiht und diesen als Machtressource nutzt. Während die politische Mitte des Landes in eine Art Dämmerschlaf fiel, verhalf die Propaganda der öffentlich-rechtlichen Medien und die tatkräftige Unterstützung staatsfinanzierter Verbände und Vereine zahlreichen Ideologen in Spitzenpositionen des Staates – als hochbezahlte Angestellte des Steuerzahlers mit Verantwortung für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Ohne jede berufliche Erfahrung oder Kompetenz in der Sache, dafür aber moralisch aufgeladen erzählten sie uns, wir Deutschen wären ein reiches Land und wieder einmal dabei, bei einer ganz großen Sache. Diesmal bei der Rettung der Welt, klimatisch und sozial. Dabei ist die große Erzählung von der erfolgreichen deutschen Energiewende, die andere Nationen adaptieren und uns ein neues Wirtschaftswunder beschert, längst an der Realität zerschellt.

Nach einer Dekade wirklichkeitsblinder Energie- und Migrationspolitik haben wir ein viertes Jahr des grünen Wirtschaftswunders hinter uns, mit neuen Rekorden an Steuern-, Schulden und Energiepreisen. Degrowth dient der Dekarbonisierung, das Sozialsystem ist geflutet von Menschen, die kaum lesen oder schreiben können, von denen sich einige aber wie Eroberer benehmen. Der Exodus der Leistungswilligen hält an. Alles wurde geliefert, wie vom Wähler bestellt.

Tolerant bis zur Selbstaufgabe konnte die Politik dann auch mit der Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung im Land nur scheitern. Wir wurden staunend-stille Zeugen eines antisemitischen Mobs, täglicher Messerstechereien, von Bandenkriminalität und Verwahrlosung, Tummelplätzen Drogensüchtiger und Dauerbaustellen auf unseren Straßen. Es ist kein Wunder, dass der durch seine selbst angelegten Fesseln der Überregulierung fast bewegungsunfähig gewordene Staat bislang auch die Rahmenbedingungen für den Bau von dringend benötigtem Wohnraum nicht herstellen konnte.

„In der Umarmung der ganzen Welt hat Deutschland die eigenen Leute vergessen“, hörte ich neulich und zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg könnte das Versprechen, dass es der nächsten Generation in Deutschland einmal besser geht als der vorhergehenden, tatsächlich nicht eingelöst werden. 

Wieviel Niedergang, wieviel Demütigung braucht es also noch, bis wir das Steuer wirklich herumreißen? Apokalyptische Visionen in Krisen können den Ehrgeiz auslösen, denen wieder auf Augenhöhe zu begegnen, die heute noch kopfschüttelnd auf uns herabsehen. Sie können als Anstoß zu einer echten Renaissance dienen. Dieses Land hat sich bereits einmal wie Phoenix aus der Asche erhoben, hat also damit Erfahrung.

Die nächsten zwei Wochen bieten Gelegenheit zur Besinnung, zur Reflexion eigener Werte und Wurzeln. Westliche, auch christliche Werte haben nach Jahrhunderten oft blutiger Auseinandersetzung unseren Kulturraum stark gemacht, weil sie am Ende Freiheit, Verantwortung und das Individuum über das Kollektiv stellten. Der Westen war immer offen für jene, die diese Prinzipien teilen. Weltweit zieht er die Menschen an, das westliche Modell bleibt die Sehnsucht von vielen, denen es vorenthalten wird. „Jeder, der dem Individuum den Vorzug vor dem Kollektiv gibt, hat das Ticket in die Zivilisation gelöst“, las ich kürzlich. Ein schöner Satz, über den es sich lohnt, nachzudenken.

„Sapere Aude“ schrieb der römische Dichter Horaz – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ wurde mit Immanuel Kant zu einem Leitmotiv der Aufklärung. Nehmen wir diesen Gedanken mit in die Zeit zwischen den Jahren.

Ich wünsche Ihnen allen schöne Weihnachten.

Ernst-M. Ehrenkönig · CEO & Managing Partner

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