Ich sehe was, was du nicht siehst
Erinnern Sie sich? Wir alle haben dieses Ratespiel als Kind oder mit unseren Kindern gespielt, meist auf langen Fahrten, wenn es in den Urlaub ging. Jedenfalls musste ich daran denken, als unser Kanzler mit einigen Bemerkungen kürzlich die Stadtbild-Debatte auslöste.
Die Welle der dadurch ausgelösten, teilweise gespielten Empörung hat gezeigt, dass es in Deutschland weiterhin Themen gibt, über die nicht oder nicht so gesprochen werden soll. Dinge, die man offenbar nicht sehen will.
Zum Beispiel die zunehmende Verwahrlosung der Innenstadt. Jugendliche Gewaltkriminalität, mittlerweile auch an Schulen. Messerkriminalität. Organisierte Clan- und Bandenkriminalität. Der Verlust von Sicherheit im öffentlichen Raum. Wenn Frauen abends Angst haben, mit der S-Bahn zu fahren oder bestimmte Straßen auf dem Heimweg meiden, dann sind das keine Befindlichkeiten, dann ist das Realität.
Berlin ist vieles – aber „gefühlt sicher“ gehört derzeit selten dazu.
Wer aber diese Probleme anspricht und einen Großteil Ihrer Verursacher beim Namen nennt, den drängen die Berufsempörten mit Unterstützung ihrer medialen Verstärker schnell in eine moralische Ecke. Dabei wissen die meisten ganz genau, was da inzwischen los ist in der Hauptstadt und in vielen anderen Städten unseres Landes. Es passt aber nicht allen in ihr Weltbild, und so kann nicht sein, was nicht sein darf.
Ich denke, es ist jetzt Zeit, mit dem Wegschauen aufzuhören und stattdessen wieder richtig hinzusehen. Man kann ein schönes Stadtbild wollen UND darüber sprechen, dass unsere Parks angstbesetzt sind.
Man darf Vielfalt gut finden UND klar sagen, dass offene Drogenkriminalität kein urbanes Lifestyle-Merkmal ist. Man darf Integration unterstützen UND erwarten, dass für Zugereiste klare Regeln gelten, deren Verletzung unmittelbare Konsequenzen haben. Man darf erwarten, dass der Staat die Sicherheit seiner Bürger gewährleistet, Tag und Nacht.
Wenn jemand die Zahlung von Rundfunkgebühren verweigert und dafür länger in Haft sitzt als ein ausreisepflichtiger Intensivtäter, zahlen wir am Ende einen ganz bitteren Preis – den Verlust des Vertrauens in unseren Staat. Wo das für uns alle enden kann, zeigt die Geschichte.
Wir brauchen Ehrlichkeit in der Debatte. Das Wegschauen, Beschweigen, Kleinreden oder Relativieren löst kein Problem. Es vergrößert es – und lässt am Ende ganze Stadtviertel kippen.
Als Vermittler von Investmentimmobilien wissen wir: Bevor ein Quartier seinen Wert verliert, verliert es seine Sicherheit, dann seine Attraktivität, schliesslich seine Bewohner.
STADTBILD ist kein Gefühl. Stadtbild ist ein Ergebnis vom Engagement seiner Bürger, klaren Entscheidungen und dem Willen, Probleme zu sehen, sie anzusprechen und dann entschlossen anzugehen, bevor sie unlösbar werden.
Berlin hat alles, was eine großartige Stadt braucht. Es muss sich nur wieder trauen, hinzusehen.
Herzlich
Ernst-M. Ehrenkönig · CEO & Managing Partner
