RÜCKEN GERADE, KOPF HOCH
Ein Plädoyer für mehr bürgerliches Engagement
Es gibt diese Phasen im Leben eines Landes, in denen man sich fragt: Wie konnte es nur so weit kommen?
Deutschland – einst industrielles Kraftzentrum, Hort bürgerlicher Vernunft, Exportweltmeister und Stabilitätsanker – scheint seit einigen Jahren auf einem Irrweg zu sein. Nicht mit Karacho, sondern Schritt für Schritt in Richtung wirtschaftlicher Niedergang, begleitet von einer Gesellschaft, die Widersprüche hinnimmt, wegmoderiert oder schlicht schweigend hinnimmt.
Diese gebückte Haltung der bürgerlichen Mitte hat daran ihren festen Anteil. Und glauben Sie mir: Ich nehme uns Unternehmer, die Immobilienbranche und auch mich selbst ausdrücklich nicht aus. Wir haben uns zu lange in der Rolle des schweigenden, manchmal kopfschüttelnden Beobachters eingerichtet. Bloß nicht anecken, Hauptsache, die Geschäfte laufen. Nur – bei vielen laufen sie längst nicht mehr.
Was passiert, wenn man sich jahrelang den politisch Mächtigen und dem vermeintlichen Zeitgeist anbiedert, zeigt die deutsche Automobilwirtschaft eindrucksvoll. Einst globaler Vorreiter, hat sie sich dem Kurs „E-Mobilität um jeden Preis“ unterworfen – mit CO₂-Zielen und Geschäftsmodellen im Takt ideologischer Dogmen.
Das Ergebnis? Milliardenverluste, Arbeitsplatzverlust, ein Rückstand auf internationale Konkurrenz – und eine wachsende Ratlosigkeit.
Dabei hätte man doch viel früher fragen müssen: Ist das wirklich der richtige Weg? Ist es wirtschaftlich tragfähig? Technologisch sinnvoll? Volkswirtschaftlich klug? Stattdessen hat man unter dem Beifall der Medien staatliche Fördergelder kassiert und daran glauben wollen, sich mit Anpassung eine sichere Zukunft zu kaufen. Heute sehen wir den Preis dafür.
Wer einmal geglaubt hatte, dass all das die Immobilienwirtschaft nicht oder nur kurzzeitig treffen wird, hat sich geirrt. Die Baukosten explodierten, Genehmigungsverfahren lähmen weiterhin, Energieauflagen bewegen sich zwischen Traum und Illusion und der politische Wille zum Wohnungsbau steht oft nur auf dem Papier. Zu viele Baukräne stehen nach wie vor still, die Bürger in unserem Land finden keine und erst recht keine bezahlbaren Wohnungen, und die Eigentumsquote – einst auch Altersvorsorge für alle – sinkt auf historische Tiefstände.
Warum sagen wir dazu so wenig? Warum reden wir nicht offen darüber, dass Migration ohne Wohnraumkonzept nicht funktionieren kann? Dass die deutsche Energiepolitik ein widersprüchliches Geschäft mit der Angst ist – mit heimischer Braunkohle, französischem Atomstrom und gefracktem US-Gas? Dass Deutschland in der Welt kein Vorbild sein kann, wenn es sich wirtschaftlich selbst ruiniert. Und dass das geplante Berliner Enteignungsgesetz die Axt an die Eigentumsgarantie unserer Verfassung legt.
Die Antwort ist unbequem: Weil zu viele von uns sich wegducken und das alles hinnehmen. Konfliktscheu, duldungsstarr und gebückt sehen wir dabei zu, wie wir nach und nach ausgeraubt werden.
Dabei sollte angesichts der Probleme, die das ganze Land heute hat, die Sprachlosigkeit jetzt vorbei sein. Vertrauen wir endlich wieder unserem gesunden Menschenverstand und unserer Erfahrung statt den medialen Lautsprechern sog. Experten. So können wir den öffentlichen Raum, in dem die Debatten stattfinden, zurückerobern – nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit der klaren Stimme der Vernunft. Nicht mit Schlagworten, sondern mit Argumenten, Erfahrung und wirtschaftlicher Kompetenz.
Und wenn wir von bürgerlicher Haltung sprechen, dann sprechen wir ausdrücklich nicht von jener inflationär gebrauchten Version, die über Jahre links-grün besetzt war und zu oft moralisch belehrend daherkam. Gemeint ist eine bürgerliche Haltung, die verbindet statt spaltet, die freiheitlich, weltoffen und kritisch zugleich ist – und die den Mut hat, Missstände auch klar zu benennen.
Und wenn wir von öffentlichem Raum sprechen, dann meinen wir die Zustände vor unserer Tür, wo auf Demonstrationen zur Vernichtung Israels aufgerufen wird. Wo israelische Einrichtungen wie Festungen geschützt werden müssen, wo jüdische Mitbürger ihr Uber nicht mehr mit hebräischem Namen bestellen, sich nicht auf die Straße, in die S-Bahn oder in ihre Hochschule trauen, aus Angst, dort beleidigt, bedroht oder geschlagen zu werden. Wer hier weiter wegschaut und schweigt, wiederholt die Fehler der Vergangenheit, als die bürgerliche Mitte so lange schwieg, bis es zu spät war. Deutschland braucht heute erneut die Haltung und das Engagement seiner emanzipierten und mündigen Bürger, seiner „Citoyen“. Sind wir bereit dafür?
Wir glauben an dieses Land, an seine Wirtschaftskraft, an seine Innovationskraft und an seine Menschen. Und genau deshalb benennen wir, was nicht gut läuft. Denn nur wer hinschaut, kann verändern. Nur wer den Rücken durchstreckt, kann gestalten. So werden wir auch in Zukunft nicht nur über Immobilien schreiben, sondern auch über das, was Immobilienpolitik beeinflusst, was Wirtschaft prägt, und unsere gemeinsame Zukunft gestaltet.
Wir freuen uns über jeden, der diesen Weg mitgeht – kritisch, offen und im Dialog. Und wir verabschieden uns freundlich, aber entschlossen von jenen wenigen, die lieber wegschauen. Auch das gehört zur Freiheit.
Vielleicht haben wir uns zu lange eingeredet, es würde schon nicht so schlimm kommen. Vielleicht waren wir zu oft der stille Beobachter, der hofft, dass sich Probleme von selbst lösen. Und vielleicht haben wir jetzt alle ein kleines bisschen Rückenschmerzen vom Aufrichten. Aber wissen Sie was? Es fühlt sich verdammt gut an, wieder gerade zu stehen.
In diesem Sinne: Kopf hoch. Rücken gerade. Und wieder nach vorn.
Ernst-M. Ehrenkönig · CEO & Managing Partner